Was sind Autoflower Samen? Herkunft, Genetik einfach erklärt
Christoph LesserSharing is caring
Wenn du heute in einem Growshop oder Seedshop nach Samen schaust, sind Autoflower Samen längst keine Randnotiz mehr. Sie sind ein eigenes Universum mit eigenen Züchtern, eigenen Cups, eigenen Fangemeinden. 42 Fast Buds, Mephisto Genetics, Anesia Seeds, Sweet Seeds, Green House Seeds etc., alle haben mittlerweile starke Autoflower-Linien im Programm. Manche Grower bauen ausschließlich Autos an, seit Jahren, und möchten gar nichts anderes mehr.
Das war nicht immer so. Vor nicht einmal zwanzig Jahren war ein Autoflower Samen das, was andere Züchter belächelt haben. Schwache Wirkung, kleiner Yield, komischer Geschmack. Wer damals mit Autos gearbeitet hat, musste sich erklären. Das ist leider immer noch sehr verbreitet. Manche Grower sind immer noch in 2008 gefangen.
Die Geschichte dahinter ist deutlich interessanter als der Hype, der heute drumherum entstanden ist.
Der Anfang: eine Pflanze, die niemand haben wollte
Cannabis Ruderalis. Das ist die Basis von allem, was heute als Autoflower Samen verkauft wird. Und Ruderalis war lange Zeit schlicht uninteressant.
Der russische Botaniker Dmitrij Erastovich Janischewski entdeckte und klassifizierte die Pflanze 1924 in der Nähe der Wolga. Was er fand, war eine wildwachsende, niedrige Cannabispflanze, die in Regionen gedieh, in denen andere Pflanzen keine Chance hatten: sibirische Kälte, kurze Sommer, arme Böden, kaum kontrollierbare Lichtverhältnisse. Die Pflanze hatte sich über Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte, an diese Bedingungen angepasst. Der entscheidende Unterschied zu Sativa und Indica: Ruderalis blüht nicht in Abhängigkeit vom Licht, sondern in Abhängigkeit vom Alter. Automatisch blühend, ohne dass ein Grower den Lichtzyklus ändern muss. Eine genetische Uhr statt eines Lichtschalters.
Das Wort "Ruderalis" kommt vom lateinischen "rudera", also Schutt oder Abfall. Die Pflanze wuchs buchstäblich dort, wo andere nicht mehr wuchsen.
THC-Gehalt? Kaum vorhanden. Aromen? Bescheiden. Ertrag? Gering. Die Pflanze war ein botanisches Kuriosum, mehr nicht. In den Jahrzehnten nach Janischewskys Klassifikation taucht sie gelegentlich in wissenschaftlichen Texten auf, wird diskutiert, ob sie eine eigene Art oder eine Unterart von Cannabis sativa ist, aber kommerziell oder kulturell spielt sie keine Rolle.
Irgendwo in den Siebzigern gab es erste, zaghaft dokumentierte Versuche, Ruderalis mit Indica und Sativa zu kreuzen. Neville Schoenmakers, der legendäre Gründer der Seed Bank of Holland und einer der einflussreichsten Züchter seiner Zeit, soll damit experimentiert haben. Das Ergebnis war damals nicht überzeugend. Die Autoflower-Eigenschaft ist recessive, also rezessiv, sie zeigt sich nicht in der ersten Generation und lässt sich ohne klares Zuchtziel kaum stabil weitergeben. Man versuchte es, scheiterte an der Stabilität und ließ es wieder sein.
Mexican Rudy und die zufällige Entdeckung
Hier beginnt die eigentliche Geschichte. Und sie beginnt, wie viele guten Geschichten in der Cannabiszucht, mit einem Tütchen Samen von einem Freund.
Sasha Przytyk, bekannt als "The Joint Doctor", ist ein kanadischer Grower und Züchter, der Anfang der 2000er in einem Keller in Montreal arbeitete. Er bekam von einem mexikanischen Freund namens Antonio einen Beutel Samen, den dieser "Mexican Rudy" nannte. Rudy stand für Ruderalis. Woher genau diese Genetik stammte, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Eine Theorie: Es handelt sich um eine experimentelle Kreuzung aus russischem Ruderalis mit mexikanischem Cannabis, die möglicherweise in den Siebzigern an der University of Mississippi entstanden ist, die damals im Auftrag der US-Regierung Cannabis für Forschungszwecke angebaut hat.
Was der Joint Doctor mit diesem Mexican Rudy feststellte: Die Pflanzen blieben kurz und fingen früher zu blühen an als alles andere, was er in seiner Zucht hatte. Das war interessant, aber noch nicht sensationell. Er begann zu kreuzen. Mexican Rudy mit Northern Lights #2, einer kompakten Indica-Linie, die in den Achtzigern als "Closet Queen" bekannt war, weil sie besonders gut für den Anbau in engen Indoor-Verhältnissen geeignet war. Das Ergebnis dieser Kreuzung, die F1-Generation, blühte noch photoperiodisch. Die Autoflower-Eigenschaft war im Erbgut vorhanden, zeigte sich aber noch nicht.
Dann kam Williams Wonder dazu. Eine klassische Afghan-Indica-Linie, die ursprünglich von Züchter Sam the Skunkman in den Siebzigern entwickelt worden sein soll. Der Triple-Cross aus Mexican Rudy, Northern Lights #2 und Williams Wonder produzierte in der nächsten Generation etwas, das den Joint Doctor und seine Mitstreiter verblüffte: männliche Pflanzen, die anfingen zu blühen, obwohl das Licht noch auf 24 Stunden stand. Automatisch. Ohne Lichtänderung. Ohne Aufforderung.
Der Joint Doctor erinnert sich: Sie wuchsen im Keller, der Rest des Grows war noch in der Vegetationsphase, und da hingen in der Ecke diese kleinen Pflanzen und fingen einfach an zu blühen. "What the hell should we do with these weird things?" soll er gefragt haben.
Die Antwort wurde Willy's Automatic. Dann Lowryder, der erste kommerzielle Automatik Samen der Welt.
Lowryder: Die Pflanze, über die alle gelacht haben
Der Lowryder wurde 2003 erstmals kommerziell verfügbar, zuerst über Artikel im High Times und per Direktversand. Die erste Reaktion der etablierten Züchterszene war eindeutig: Skepsis, Belustigung, Ablehnung. Der Yield war gering, der THC-Gehalt nach damaligen Maßstäben niedrig, das Aroma nicht besonders. Der Name kam, nach eigener Auskunft des Joint Doctors, von seinem Lieblingsautomagazin Lowrider. Eine Hommage an das Niedrige, das Kompakte, das Unerwartete.
Was Lowryder trotzdem hatte, war eine Eigenschaft, die für eine bestimmte Art von Grower mehr wert war als alles andere: Man konnte ihn verstecken. Eine Pflanze, die kaum 30 Zentimeter hoch wurde, in sieben bis acht Wochen von Samen zur Ernte kam und dabei keine Lichtzyklus-Anpassung brauchte, war für viele die erste realistische Möglichkeit, überhaupt anzubauen. Auf Balkonen, in kleinen Zelten, in Schränken, in Situationen, in denen eine zwei Meter hohe Sativa keine Option war.
Donny Danko vom High Times war einer der frühen Fürsprecher. Das half. Und der Joint Doctor hörte nicht auf zu züchten.
Der entscheidende Schritt kam mit Lowryder #2. Er kreuzte den Lowryder mit einer brasilianischen Sativa namens Santa Maria, einem fruchtigen, aromatischen Strain, der dem schwachen Geschmacksprofil des Originals auf die Sprünge half. Nach mehreren Stabilisierungsgenerationen war Lowryder #2 deutlich stärker, aromatischer und stabiler als sein Vorgänger. Der Buzz in der Szene wurde größer. Plötzlich interessierten sich auch Grower für Autos, die sich das ursprüngliche Lowryder nie ernsthaft angeschaut hatten.
Als ich das erste mal eine Automatik Pflanze hatte, war das ca 2008, eine Blueberry Automatic. Super klein ca. 30 cm, wenig Ertrag, aber äußerst intensive Wirkung. Als ich damals erwähnt hatte, dass es sich hier um eine Automatik handelte, war doch großes Erstaunen in der Wohnung. Die nächsten 2 Pflanzen waren alles samt Automatik, damals von Sensi Seeds. Dann wieder der Switch zu regulären und feminisierten Samen. Auch damals noch recht rar in Deutschland, also die feminisierten Samen.
Die 2000er: Erste Welle, echte Skepsis
Die Jahre zwischen 2003 und etwa 2010 waren die erste Autoflower-Welle, aber noch keine Revolution. Größere Seedbanks wie Dutch Passion, Sensi Seeds und Paradise Seeds begannen, eigene Autoflower-Linien zu entwickeln. Die Grundlage war fast immer Lowryder-Genetik, die mit verschiedenen photoperiodischen Linien gekreuzt wurde.
Das Grundproblem dieser ersten Generation: Die Ruderalis-Gene brachten zwar die Autoflower-Eigenschaft mit, aber sie brachten auch das schwache Potenzprofil und die niedrigen Erträge mit. Es war genetisch schwierig, die guten Eigenschaften von Indica und Sativa in eine stabile Autoflower-Linie zu übertragen, ohne dass die Ruderalis-Charakteristika dominierten. Viele der damaligen Autos galten als Kompromiss. Schnell, ja. Diskret, ja. Aber qualitativ nicht auf dem Niveau sorgfältig angebauter photoperiodischer Sorten.
Das war eine faire Einschätzung für die damalige Zeit.
Die echte Revolution: Mephisto, 42 Fast Buds und die zweite Generation
Die Wende kam in den frühen 2010ern, als eine neue Generation von Züchtern begann, Autos nicht mehr als schnelle Kompromisslösung zu behandeln, sondern als vollwertiges Züchtungsziel mit eigenem Standard.
Mephisto Genetics startete in einem Wohnhaus in England. Mitch, einer der Gründer, war ein überzeugter Auto-Fan. Sein Mitgründer Tim war es nicht, er bevorzugte hochwertige photoperiodische Blüten und hielt Autos für qualitativ unterlegen. Woraus eine Art Wette entstand: Mitch wollte einen Autoflower entwickeln, der Tim "sufficiently high" bekommen würde. Was als Spaß begann, wurde zu einem ernsthaften Zuchtprogramm mit jahrelangen Stabilisierungsprozessen, obsessiver Phänotypselektion und dem Ziel, keine Kompromisse beim Endprodukt einzugehen. Mephisto wächst nie schnell, bringt nie viele Sorten auf einmal raus und weigert sich bis heute, Produktionsmaßstäbe über Qualitätsmaßstäbe zu stellen. Das hat sie zu einem Kultlabel gemacht. Absolut verdient.
Fast Buds kam mit einem anderen Ansatz: Volumen, Verfügbarkeit und konsequent amerikanische Genetiken als Ausgangsmaterial. Wo frühere Autos mit europäischen Indica-Linien gearbeitet hatten, brachte Fast Buds US-Hype-Strains in das Auto-Format, Gorilla Glue (GG4), OG Kush-Derivate, Runtz-Kreuzungen, Gelato-Linien. Das Ergebnis war eine neue Kategorie, die manchmal als "American Autos" bezeichnet wird: Strains mit moderner US-Bag-Appeal, in einem Auto-Paket.
Was beide Entwicklungen verbindet: Die Zuchtprogramme wurden professioneller. Statt einfacher F1-Kreuzungen entstanden stabilisierte Linien über mehrere Generationen, teilweise F4, F5 und weiter. Die Ruderalis-Anteile wurden so weit zurückgezüchtet, dass sie kaum noch das Wachstumsbild dominierten. Was blieb, war die Autoflower-Eigenschaft als genetisches Werkzeug, eingebettet in Sorten, die kaum noch wie die Autos der frühen 2000er aussahen.
Was moderne Autoflower Samen heute leisten
Das Klischee "Autos sind schwächer als Photoperiod-Sorten" stimmt heute in dieser Pauschalität nicht mehr. Labortests moderner Linien zeigen THC-Werte zwischen 20 und 28 Prozent, vereinzelt auch darüber. Der Mendo Breath Auto von Atlas Seed wurde mit über 30 Prozent gemessen. Erträge von 100 bis 150 Gramm pro Pflanze indoor sind für gut optimierte Sorten keine Seltenheit mehr.
Was Autoflower Samen strukturell von photoperiodischen Feminized Samen unterscheidet:
Sie blühen unabhängig vom Lichtzyklus. Daher auch der Begriff automatisch blühende Samen, der im deutschen Sprachraum oft synonym verwendet wird. Eine Photoperiod-Pflanze braucht den Wechsel von 18 auf 12 Stunden Licht, um in die Blüte zu wechseln. Eine Autoflower-Pflanze tut das automatisch nach einer genetisch festgelegten Zeitspanne, typischerweise zwischen der zweiten und dritten Woche nach der Keimung. Das macht sie einfacher zu handhaben, aber es bedeutet auch: Was in der Vegetationsphase schief läuft, lässt sich nicht wie bei Photoperiod-Pflanzen durch verlängerte Vegi-Zeit kompensieren. Der Zeitplan ist gesetzt.
Für den Outdoor-Anbau in Deutschland und Mitteleuropa sind Autoflower Samen besonders interessant. Die kurzen Sommer und die unzuverlässigen Lichtverhältnisse, die für tropische Sativas ein Problem darstellen, spielen bei Autos kaum eine Rolle. Eine gut gewählte Autoflower-Sorte kann in Mitteleuropa von Mai bis Oktober problemlos zwei, manchmal drei Zyklen durchlaufen. Auch das macht sie bei Home-Growern so beliebt.
Was sogar einige Growshops in Deutschland angeboten haben, waren Automatik Sämlinge oder eine kurze Zeit sogar Stecklinge. Naja, das Zweite kann man sich denken, dass es schnell wieder eingestellt wurde. Vermutlich hatten diejenigen nicht auf dem Schirm, dass es keine photoperiodischen Pflanzen waren, oder sie wussten schlichtweg nicht.
Autoflower, Feminized oder Regulär?
Eine Frage, die immer wieder kommt: Was ist der Unterschied zwischen Autoflower Samen, feminisierten Samen und regulären Samen?
Reguläre Samen produzieren männliche und weibliche Pflanzen im natürlichen Verhältnis, ungefähr 50:50. Für Züchter, die eigene Kreuzungen machen oder neue Phänotypen suchen, sind reguläre Samen die erste Wahl. Wer einfach anbauen und ernten möchte, muss männliche Pflanzen früh erkennen und entfernen.
Feminisierte Samen sind gentechnisch veränderte Samen, die durch bestimmte Behandlungen mit kolloidalem Silber oder ähnlichen Methoden erzeugt werden, und produzieren mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausschließlich weibliche Pflanzen. Kein Selektionsaufwand, volle Anbaufläche für blütenproduzierende Pflanzen.
Autoflower Samen sind heute in der überwiegenden Mehrheit ebenfalls feminisiert. Das war nicht immer so: Der Joint Doctor verkaufte Lowryder anfangs als reguläre Samen, die Feminisierung kam erst mit Lowryder #2 dazu. Heute sind feminisierte Autoflower Samen der Standard, weil sie die Vorteile beider Konzepte kombinieren.
Es gibt aber auch reguläre Autoflower Samen, zum Beispiel von Züchtern wie ACE Seeds oder Khalifa Genetics, die für Züchtungsprojekte angeboten werden. Und es gibt Autoflower Samen in nicht-feminisierter Form für alle, die eigene Kreuzungen entwickeln möchten.
Was das alles für dich bedeutet, wenn du Autoflower Samen kaufst
Nicht jede Sorte, die als "Autoflower" vermarktet wird, ist gleich. Die Qualitätsunterschiede zwischen einem billigen No-Name-Auto und einer sorgfältig entwickelten Linie von Mephisto oder 420 Fast Buds sind real und spürbar.
Bei Less Organix findest du unser Sortiment an Autoflower Samen von Seedbanks, hinter denen echte Zuchtarbeit steckt. Keine weißen Etiketten, keine schnell zusammengeworfenen F1-Kreuzungen, die als fertige Sorte vermarktet werden. Wir führen Marken, deren Sortiment wir kennen und hinter dem wir stehen können.
Eine letzte Sache noch
Es gibt Grower, die auf Autos schwören, und Grower, die sie immer noch ablehnen. Beide Standpunkte haben eine Grundlage. Wer Indoor mit kontrollierten Bedingungen arbeitet und maximalen Yield pro Quadratmeter anstrebt, wird mit einer gut optimierten Photoperiod-Sorte unter Umständen immer noch besser fahren. Wer schnelle Zyklen will, outdoor anbaut, wenig Platz hat oder einfach unkompliziertere Grows bevorzugt, für den sind moderne Autoflower Samen eine vollwertige Option und keine Kompromisslösung mehr. Und gerade, wenn du Lust hast, einfach die nächste Sorte in dein Zelt zu stellen, sind automatisch blühende Sorten die beste Wahl.
Das ist die Reise von 1924, einem russischen Botaniker an der Wolga, einem mysteriösen Tütchen Samen aus Mexiko und einem Keller in Montreal bis hierhin.
Nicht schlecht für eine Pflanze, die mal auf dem Schuttplatz gewachsen ist.
Vielen Dank fürs Lesen.
Euer Less



